Spielbericht

Ein Abend zum Zunge schnalzen
HSG Freiberg - HSV Lok Pirna Dresden 30 : 37 ( 14 : 17 )


Wann hat es das zuletzt gegeben? Ein rotes Freudenkneuel feiernder Pirnaer Spieler auf fremdem Parkett? Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, dass die sächsischen Eisenbahner zu einem Auswärtserfolg dampften. Es war der 15.03.2014, als Torsten Schneider und Co. bei der TG Münden mit einem 34:31-Sieg den Heimweg ins Elbtal antraten und zwei wichtige Punkte für den Klassenerhalt im Gepäck hatten. Lange hat es gedauert, viele bittere Niederlagen mussten die Elbestädter bis dahin in fremden Hallen einstecken. Doch seit dem Derby-Sieg gegen die ambitionierte HSG Freiberg am vergangenen Samstagabend ist der so viel zitierte Auswärtsfluch endgültig besiegt. Und dies auf eine eindrucksvolle Art und Weise, denn der 37:30-Erfolg der Pirnaer Ballwerfer war in der Höhe und dem Zustandekommen vollauf verdient und so durften die Jungs des Trainer-Duos Hübner/Milicevic mit ihren vielen mitgereisten und lautstarken Fans minutenlang die Freude in allen Zügen auskosten. "Auswärtssieg!", "Derby-Sieger", skandierte die große, rotgekleidete Pirnaer Fanschar, die nicht erst zu diesem Zeitpunkt den Freiberger "Dachsbau" stimmungstechnisch erstürmte.

"So ein Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit", wusste auch Alexander Hübner nach der Partie erleichtert zu berichten. "In den Anfangsminuten haben wir uns von den Dachsen ob ihrer Spielweise etwas nervös machen lassen. Aber mit zunehmender Spieldauer konnten wir das Zepter mehr und mehr in die Hand nehmen. Unser Matchplan ging letztlich voll auf und ich bin mit der Leistung, die das Team hier abgeliefert hat, sehr zufrieden", freute sich Hübner über das Gelingen des taktischen Konzepts. Wie wahr - denn eine Wundertüte sind die von Andreas Bolomsky trainierten Freiberger Dachse nicht mehr, auch Geschäftsführer Uwe Heller betonte im Vorfeld, dass der Effekt der unkonventionellen Spielweise längst kein Geheimnis mehr ist. Und so kam es den Elbestädtern stets zu Gute, dass Hübner und Milicevic ihr Team bestens auf die bevorstehende Aufgabe einstellten. "Unser Trumpf im Ärmel war, dass wir stets einen "Plan B" parat hatten, um uns einen Vorteil gegenüber unserem Kontrahenten zu verschaffen und letztlich die Platte als Sieger zu verlassen", unterstrich besonders der Pirnaer Strippenzieher Robert Schulze seine tolle Leistung an diesem Abend, welche er mit zehn Treffern eindrucksvoll krönte. Überhaupt schlug gegen die HSG Freiberg die Stunde der "Individualisten" - Robert Schulze, Vladan Kovanovic und Srdjan Gavrilovic wussten mit ihren technischen Fähigkeiten zu gefallen, schufen Lücken und Freiräume für ihre Mitspieler. Und so durften sich fast alle Lok-Akteure in die Torschützenliste eintragen. Selbst der in den vergangenen Partien gut aufgelegte Christian Möbius, der in Spielminute zehn nach einer unglücklichen Aktion glatt Rot sah, war da bereits mit einem Treffer erfolgreich. Doch Möbius war auch um seine dritte Matchstrafe in den sechs Spielen in der Mitteldeutschen Oberliga nicht um einen kecken Spruch verlegen: "Vielleicht kann ich "Toto" ja in diesem Jahr ernsthafte Konkurrenz machen, wenn es um die Vergabe der Zeitstrafen-Krone geht...", sagte der Rückraum-Shooter nach der Partie seinem Teamkollegen augenzwinkernd den Kampf an...

Statt jedoch über seine Hinausstellung zu hadern, verschlug es Möbius für die verbleibenden fünfzig Spielminuten in den Pirnaer Fanblock - mittendrin, statt nur dabei sozusagen. Und auch er sah, wie seine Teamkollegen in der Folge die Scheuklappen ablegten und in der Freiberger Ernst-Grube-Halle kräftig wirbelten. Bis auf den ersten Treffer der Partie und eine zwischenzeitliche 5:4-Führung der Freiberger vermochten die Gastgeber lediglich den Spielstand zu egalisieren. So war es in den ersten dreißig Zeigerumdrehungen ein offener Schlagabtausch mit Vorteilen für die Elbestädter. Nicht zu Unrecht leuchtete zur Halbzeit-Sirene ein 17:14 aus Pirnaer Sicht auf der Anzeigetafel des Bergstädter "Dachsbaus".

Unter ordentlich Dampf standen die sächsischen Eisenbahner dann zu Beginn des zweiten Abschnittes. Mit einer knackigen Abwehr erkämpften sich die Lok-Akteure Bälle, die sie in Gegenstößen zu einfachen Toren ummünzten. Fünf Mal in Folge schlugen die Gäste eiskalt zu und lagen nach 35 Minuten aussichtsreich in Front (22:14). Und obwohl die Dachse mit einem 4:0-Lauf ebenfalls Ambitionen auf einen Zwei-Punkte-Erfolg anmeldeten - mehr, als ein kurzfristiger Zwischenspurt des Tabellen-Elften sollte nicht herausspringen. Spätestens nach dem 19:23-Treffer der Freiberger sah sich Alexander Hübner veranlasst mit einer Auszeit dem Gastgeber den aufkommenden Wind aus den Segeln zu nehmen. Und so war die einminütige Verschnaufpause für die Eisenbahner das richtige Signal, weiter konsequent am Match-Plan festzuhalten und die Zügel nochmals enger zu schnüren. Gesagt - Getan! Beim 34:24 Sieben Minuten vor Ultimo war der Drops mehr als nur gelutscht. Trotz einiger ungenutzter Möglichkeiten gab es in Halbzeit zwei letztlich keinerlei Zweifel mehr am ersten Auswärtserfolg dieser Spielzeit - dem ersten Sieg auf fremdem Parkett seit mehr als eineinhalb Jahren. Nach dem mit zwei Niederlagen verkorksten Start in die Spielzeit in der Mitteldeutschen Oberliga haben die sächsischen Eisenbahner nun mit 7:1-Punkten einen tollen Lauf hingelegt. Und so schmeckt ein Derby-Sieg wie dieser freilich um so köstlicher.

"Es war schon eine große Hypothek, eine schier endlos lange Zeit ohne Auswärtserfolg zu bleiben. Doch wir haben uns in den letzten Partien genügend Selbstbewusstsein geholt, um den Bock endlich umzustoßen", fand der Pirnaer Franz Meinelt die richtigen Worte. Und obwohl die Ballwerfer aus dem Elbtal den verdienten Zwei-Punkte-Erfolg gemeinsam mit ihrem großen Anhang lautstark feierten, so verfällt man im Lager der Eisenbahner nicht in all zu große Euphorie. "Die Jungs dürfen sich heute zurecht freuen und dieses lang ersehnte Erlebnis auch einmal auskosten. Das Team hat heute bestens funktioniert und jeder hat seinen Anteil dazu beigetragen", wissen auch Hübner und Milicevic den Derby-Sieg richtig einzuordnen. "Wichtig für uns ist, dass wir das gewachsene und gesunde Selbstbewusstsein als Motivation für die nächsten Aufgaben mitnehmen, um ebenfalls erfolgreich zu sein", freut sich auch Geschäftsführer Uwe Heller über die aktuelle Verfassung des Teams. Und so dürfen sich die Pirnaer Ballwerfer am kommenden Wochenende im Duell gegen den Vorjahres-Dritten HC Glauchau/Meerane sicher wieder auf eine ebenso sensationelle und zahlreiche Unterstützung in der heimischen "Hölle-Ost" freuen.

HSV LOK: Dietze, Schneider (6), Möbius (1), Kovanovic (3), Milicevic (5/4), Gildemeister (2), Schulze (10), Ultsch (2), Meinelt (2), Hartmann (1), Maixner, Gavrilovic
Spielfilm: 1:0 (1.), 1:3 (6.), 5:4 (9.), 6:8 (14.), 8:10 (19.), 11:11 (21.), 12:14 (24.), 13:16 (27.), 14:17 (HZ), 14:22 (35.), 18:22 (38.), 19:24 (40.), 20:26 (43.), 21:28 (46.), 22:30 (48.), 24:34 (53.), 26:34 (55.), 28:35 (58.), 30:37