Spielbericht

Der Pirnaer Handball-Wahnsinn
HSV Lok Pirna Dresden gegen HG 85 Köthen 25 : 24 ( 11 : 12 )


Wer kurz vor dem zweiten Advent noch ein vorweihnachtliches Handballspektakel erleben wollte, der war am vergangenen Samstagabend in der Pirnaer "Hölle-Ost" genau richtig. Mit dem Treffer zum 25:24 durch den Lok-Mannschaftskapitän Torsten Schneider in der sprichwörtlich allerletzten Sekunde drehten die Pirnaer Ballwerfer die Partie, bogen gerade noch rechtzeitig in den Zielbahnhof ein und versetzten die Sonnenstein-Arena in Jubel-Tollhaus.

Irre! Wahnsinn! Welche Szenen sich im Anschluss des Siegtreffers auf der Platte und den Rängen der Sonnenstein-Arena abspielten, kann man schlicht und getrost als extatisch bezeichnen. Eine riesengroße Pirnaer Jubeltraube tanzte und hüpfte ausgelassen und feierte noch Minuten nach der Schluss-Sirene den nächsten Erfolg in der Mitteldeutschen Oberliga. Dabei hatten die sächsischen Eisenbahner das Nervenkostüm ihrer zahlreichen Anhänger bis aufs Äußerste strapaziert, denn gegen den Tabellen-Achten aus Köthen sah es lange nicht nach einem doppelten Punkterfolg aus. Auch Dusan Milicević wusste im Vorfeld der Partie: "Es war klar, dass es für uns nach dem außergewöhnlichen Sieg in Aschersleben nicht einfach werden wird. Solche Spiele werden im Kopf entschieden und wir hatten heute in den ganz entscheidenden Momenten die starken Nerven und den kühlen Kopf bewahrt."

Wer dachte, dass sich die HG 85 Köthen vom Lok-Erfolg der Vorwoche einschüchtern ließe, der sah sich schnell getäuscht, denn die Bachstädter erwischten den besseren Start in die Partie und lagen über relativ lange Zeit auch in Führung. Lok-Coach Alexander Hübner sah sich bereits nach zehn Minuten veranlasst, mit einer Auszeit auf die Unbekümmertheit der Gäste zu reagieren. Jedoch passte auch in der Folgezeit nicht alles bei den Elbestädtern zusammen. Pirna verkürzte zwar stets, konnte im ersten Abschnitt die Führung der Gäste aber nicht egalisieren. Die Hausherren bewiesen allerdings, dass sie das Team der letzten Sekunde sind. Philipp Gildemeister erzielte bei einen Tempogegenstoß mit seinem Treffer den 11:12-Halbzeitstand just mit dem Pausenpfiff der Unparteiischen aus Sachsen-Anhalt.

In den ersten beiden Minuten des zweiten Durchgangs war es dann soweit: Pirna schaffte den ersten Ausgleich (12:12) und die erstmalige Führung (13:12) gegen nach wie vor agile Gäste aus Köthen, die weiterhin ihren Stiefel spielten. So gingen die Bachstädter auch in der Folgezeit wieder in Front und profitierten von den Fehlern und dem eher zähen Spiel der Gastgeber. Erst fünf Minuten vor Ultimo konnten die Eisenbahner erneut ausgleichen und zwei Zeigerumdrehungen später mit dem Führungstreffer zum 24:23 Ansprüche auf einen doppelten Punkterfolg anmelden Nicht erst zu diesem Zeitpunkt hielt es in der Pirnaer Sonnenstein-Arena keinen mehr auf den Sitzen. Die Spannung war greifbar, der Geräuschpegel ohrenbetäubend. Die letzten drei Spielminuten waren dann nichts für schwache Nerven. Köthen konnte mit dem 24. Treffer gleichziehen und die sächsischen Eisenbahner kassierten noch eine Zeitstrafe. Und da die HG 45 Sekunden vor dem Schlusspfiff noch einmal in Ballbesitz kam, schien alles zu Gunsten der Gäste aus Köthen auszugehen. Doch eine Parade von Nick Weber im Lok-Gehäuse sicherte den Elbestädtern noch einmal den Ball für die verbleibenden zehn Sekunden der Partie. Vladan Kovanovic, Genie und Wahnsinn zugleich, leitete die letzte Attacke der Partie ein. Philipp Gildemeister hatte die Situation erkannt, schob klug den Platz auf der linken Angriffsseite frei und schuf damit genügend Raum für Torsten Schneider, der, mustergültig und genial bedient von Vladan Kovanovic, durch die Lücke stieß und die Harzkugel in den Köthener Maschen versenkte. Alles was danach folgte, ging im Jubel der Menge unter.

Selbst Uwe Heller wusste nach dem Spiel, "dass heute der Glücklichere gewonnen hat. Aber nur der Tüchtige hat das Glück, was er am Ende braucht, um auch einmal so in Spiel zu gewinnen", war sich Heller im Anschluss nicht zu schade, dass Phrasenschwein ob seiner Aussage zu befüllen. Auch Nicolas Philippi, der mit seinen ersten beiden Treffern im Lok-Dress eine Aktie am Erfolg seines Teams hatte, war nach der Partie noch immer beeindruckt: "Ich bin heute um einiges älter geworden", gab der Norddeutsche zu, nach der Partie ein paar graue Haare mehr auf seinem Schopf zu haben.

"Augen zu und durch - Ich habe nicht großartig nachgedacht. Ich wollte das Leder einfach in die Maschen schmeißen und das ist auch gelungen", war Mannschaftskapitän "Toto" Schneider froh, mit seinem Team noch auf die Zielgerade eingebogen zu sein und zwei Punkte eingeheimst zu haben.

Die Serie der Eisenbahner - sie hält auch im neunten Spiel. Mit 16:6 Zähler rangieren, auch aufgrund der Niederlage der zuvor punktgleichen Apoldaer, weiterhin auf dem zweiten Tabellenplatz. Am kommenden Wochenende reisen die Sachsen dann nach Thüringen zur letzten Auswärtsaufgabe zum SV Hermsdorf.

Lok: Weber, Dietze, Schneider (6), Kovanovic (1), Milicevic (7/5), Gildemeister (2), Schulze (4), Ultsch (1), Meinelt, Hartmann (1), Philippi (2), Möbius (1)
Spielfilm: 0:1 (1.), 1:4 (4.), 2:6 (9.), 3:7 (15.), 6:9 (21.), 8:10 (23.), 10:11 (27.), 10:12 (28.), 11:12 (HZ); 12:12 (31.), 13:12 (32.), 15:15 (36.), 15:18 (43.), 17:19 (47.), 19:20 (49.), 20:22 (51.), 23:23 (55.), 24:23 (57.), 24:24 (57.), 25:24 ews-Text -->