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„Ich habe noch gegen meinen Enkel gespielt“

Unser Co-Trainer im SZ-Gespräch.

Der Mann gehört eigentlich auf die Inventarliste beim Handball-Oberligisten SG Pirna Heidenau. Jochen Müller, 73, arbeitet seit Jahren im Vorstand mit und sitzt immer noch als Co-Trainer auf der Bank. Mit seiner Frau Beate, die in der Halle auf dem Sonnenstein immer mit vor Ort ist, hat er schon die Goldene Hochzeit gefeiert. Beide sind bereits Urgroßeltern, was Jochen Müller nicht daran gehindert hat, bis vor drei Jahren selbst noch aktiv Handball zu spielen.

Jochen, seit wann sind Sie in Diensten der SG Pirna Heidenau?

JOCHEN MÜLLER: Bei der ESV Lok bin ich seit rund 30 Jahren, als Spieler, später auch noch im Vorstand. Seit drei Jahren sitze ich neben Chefcoach Dusan Milicevic als Co-Trainer auf der Bank.


Seit wann sind Sie dem Handball verbunden?

JOCHEN MÜLLER: Ich habe als Kind in der Grundschule in Pirna-Rottwerndorf mit dem Handball spielen angefangen, später war ich auf der Sportschule in Greiz und habe dort meine Übungsleiter-Stufen eins bis drei abgelegt.


Wie ist Ihr Verhältnis zum Oberliga-Chefcoach Dusan Milicevic?

JOCHEN MÜLLER: Wir haben ein enges, ein familiäres Verhältnis, sind öfter auch mit unseren Familien zusammen. Man kann schon sagen, wir sind wie Vater und Sohn. Und als Sohn hört man auch mal darauf, was einem der Vater sagt. Bevor ich vor drei Jahren zu ihm auf die Bank gerückt bin, habe ich ihm gesagt, dass ich auch gehört werden und mich einbringen möchte. Das funktioniert bis jetzt gut.


Waren Sie wirklich bis zu Ihrem 70. Geburtstag aktiv?

JOCHEN MÜLLER: Ja, und zwar nicht bei den Alten Herren. Ich habe noch gegen meinen Enkel Henry gespielt, der damals für Heidenau aktiv war. Der Kerl ist 1,96m groß. Jetzt ist er 27, gerade Papa geworden und in Heidenau als Nachwuchstrainer tätig.


Gibt es ein Oberligaspiel der SG, das Sie über alle anderen Partien stellen würden?

JOCHEN MÜLLER: Es gibt etliche Spiele, an die ich mich gern erinnere. Eine besondere Partie war aber das Duell mit Spitzenreiter Burgendland in der letzten Saison. Wir gewannen zu Hause nach einer kämpferisch grandiosen Leistung. Keiner von uns ahnte damals, dass das für lange Zeit unser letztes Punktspiel sein würde – aber dann kam Corona.


Glauben Sie, dass die dritte Liga für die Pirnaer Handballer noch einmal möglich ist?

JOCHEN MÜLLER: Ja, das ist realistisch, aber es gibt viele wichtige Faktoren, die passen müssen. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, brauchen aber die Unterstützung der Stadt, der gesamten Region. Im Moment gibt es angesichts der Probleme durch die Corona-Pandemie sicher nicht so viele offene Ohren für den Handballsport. Das ist verständlich, denn manche Unternehmen kämpfen um das nackte Überleben.




Wie sehr hat die Corona-Pandemie Ihr privates Leben beeinflusst?

JOCHEN MÜLLER: Eigentlich nicht so sehr. Wir haben ein Häuschen in Pirna und unser Grundstück auf Vordermann gebracht. Dort lässt es sich gut aushalten. Auf das Reisen haben wir zwischenzeitlich verzichtet.


Was sagt Ihre Frau dazu, dass Sie die meisten Wochenenden unterm Hallendach verbringen?

JOCHEN MÜLLER: Beate kennt das nicht anders, bringt viel Verständnis auf und liebt den Handball ebenso. Ich bin auch bei jedem Training dabei, dreimal pro Woche. Früher ist sie zu den Auswärtsspielen mitgefahren, aber das waren dann eher private Ausflüge. Alls Co-Trainer komme ich allerdings erst spät abends nach Hause und sie hätte nichts von der ganzen Fahrerei, da ich ja immer bei der Mannschaft bin.


Mit welchen Problemen kommen die Spieler zu Ihnen? Die Jungs können sicher nicht alles mit dem Chefcoach besprechen.

JOCHEN MÜLLER: Natürlich kann sich der Chefttfrainer nicht um alle Dinge seiner Schützlinge kümmern. Ich versuche Dusan den Rücken frei zu halten, damit er sich auf die sportlichen Belange konzentrieren kann. Die Jungs kommen mit privaten und berufllfichen Problemen zu mir. Wir haben einige Ausländer im Kader, da kümmere ich mich um Arbeitsplätze, helfe bei Behördengängen oder bei der Wohnungssuche. Ich fahre auch mal einen Umzug. Ich versuche, für die Mannschaft ein intaktes Umfeld zu schaffen. Eminent wichtig ist auch das Sponsoring, darauf konzentriere ich auch mein Augenmerk. Da ich noch arbeiten gehe, ist der Kontakt zu vielen Unternehmen und Firmen der Region unmittelbar vorhanden. Das öffnet Türen.


Können Sie mit Ihrer Frau durch Pirna spazieren gehen, ohne ständig angesprochen zu werden?

JOCHEN MÜLLER: Wir sind beide „Ur-Pirnaer“, kennen viele Leute in der Stadt und treffen diese natürlich auch immer mal wieder. Bei mir spielt sicher auch das Engagement im Sport eine Rolle und die Tatsache, dass ich seit 50 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit im ortsansässigen Schrotthandel nachgehe.





Jürgen Schwarz, Sächsische Zeitung
Marko Förster
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